Der Digitalpakt soll Schulen fit für die Zukunft machen. Welche Chancen und Risiken gehen mit der Digitalisierung in der Schule einher?

Smartphone und Internet sind aus dem Alltag der meisten Schülerinnen und Schüler nicht mehr wegzudenken und auch bei Lehrkräften ist das Smartphone zum ständigen Begleiter geworden. Obwohl diese Technik einen Großteil der Freizeit aller Beteiligten füllt, findet es in der Schule meist kaum Beachtung. Mit dem Digitalpakt, den die Bundesregierung im Jahr 2018 beschlossen hat, soll die Digitalisierung in allgemeinbildenden Schulen mit insgesamt fünf Milliarden Euro gefördert werden.

»In einer digitalisierten Welt darf die Schule nicht analog bleiben.«
Klaus Hurrelmann
Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler der Hertie School of Governance

Wie digital sind die Schulen?

©Kevin Ruser

Die JiM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest ermittelt jährlich den Umgang von Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren mit Medien und dem Internet und erfasst in diesem Zuge auch den Stand der Digitalisierung an Schulen. Demnach sind zwar viele Schulen beispielsweise mit einem WLAN-Netz ausgestattet, die Schülerinnen und Schüler dürfen dieses jedoch in der Regel nicht nutzen. Obwohl beinahe jeder Jugendliche ein eigenes Smartphone hat, wird dieses an jeder zweiten Schule nicht im Unterricht verwendet. Nur an jeder fünften Schule werden digitale Medien täglich im Unterricht verwendet. Diese Zahlen schließen jedoch die Nutzung von Präsentationsprogrammen und Videoangeboten (etwa über YouTube) mit ein.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat nur jede fünfte Lehrkraft schon einmal Lernapps im Unterricht benutzt.

Infrastruktur und Lehrkräfte hinken hinterher

Neben der finanziellen Komponente, die durch den Digitalpakt ausgeglichen werden soll, gibt es jedoch ein weiteres Problem. Während die Schülerinnen und Schüler mit Smartphone, Tablet und Co aufwachsen, hinken Lehrkräfte in puncto Medienkompetenz hinterher. Oftmals sind Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Medien geübter als ihre Lehrkräfte. Es droht ein Autoritätsverlust.

Probleme mit der Autorität bekommt eine Lehrkraft immer dann, wenn sie inhaltlich oder prozedural nicht auf dem Stand der Zeit ist. Inhaltlich droht ein solcher Verlust etwa, wenn eine Lehrkraft etwas nicht begründen kann oder Fragen wiederholt unbeantwortet lässt. Lehrkräfte sind keine wandelnden Lexika, sie können aber – der digitalen Technik sei Dank – recherchieren und Fragen zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreifen und beantworten. Geht es um die Medienkompetenz der Lehrkräfte, droht ein Autoritätsverlust mit prozeduralem Hintergrund. Ein Großteil der Lehrkräfte ist in einer Zeit aufgewachsen, in denen es viele der Möglichkeiten, die Smartphone und Co. bieten, noch gar nicht gab.

»Lehrkräfte müssen in der Schule mit den modernsten Techniken umgehen können, sonst verlieren sie ihre pädagogische Autorität.«
Klaus Hurrelmann
Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler der Hertie School of Governance

Führt die Digitalisierung in der Schule zu besserer Bildung?

Obwohl Digitale Medien oft als Heilsbringer gesehen werden, kann kein Medium allein bessere Bildung erzeugen. Das gilt gleichermaßen für Buch, Tafel, Smartphone und Whiteboard. Der Erfolgsfaktor für gute Bildung sind pädagogische Konzepte. Sie werden von Lehrkräften entwickelt und umgesetzt, um die Vielfalt der Angebote für die Lerngruppen zu individualisieren. Die Lehrkräfte nehmen somit die wichtigste Rolle bei der Digitalisierung in der Schule ein.

Digitale Medien eröffnen neue Lernformen im Unterricht. Sie ermöglichen eine stärkere Individualisierung, können das Lernen außerhalb der Schule besser vernetzen und Bildungsbenachteiligung effektiver bekämpfen. Digitale Medien ermöglichen dezentrales kollaboratives Lernen und gestalten den Unterricht abwechslungsreicher und individueller. Entscheidend sind hierbei jedoch die Lehrkräfte, weil sie den Unterricht planen und gestalten.

Fünf Milliarden Euro werden kaum reichen, um alle Schulen mit Breitbandanschluss, Geräten und Lizenzen auszustatten. Lizenzen müssen in der Regel jährlich erneuert werden, womit laufende Kosten entstehen, die im Digitalpakt bisher nicht eingeplant zu sein scheinen. Auch die Fortbildungen der Lehrkräfte bringt weitere Kosten mit sich. Auf die Frage, ob fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung an Schulen ausreichen würden, antwortet die Bundesregierung:

»Digitalisierung ist ein Prozess, kein Zustand. Ziel des DigitalPakts ist es, die infrastrukturellen Grundlagen für digitale Bildung in deutschen Schulen zu schaffen und Investitionshilfen als Anschub zu leisten. «
Bundesministerium für Bildung und Forschung

Hinzu kommt, dass auch die Verwendung des Geldes bereits festgelegt ist. So dürfen nur 20% der Gelder für die Anschaffung von (mobilen) Geräten genutzt werden. Alle Schulen etwa mit Klassen-Tablets auszustatten erscheint vor diesem Hintergrund eher schwierig. Der Digitalpakt versteht sich „als Infrastrukturprogramm und nicht als Förderprogramm für Endgeräte“, heißt es auf der Seite des Bundesministeriums.

Digitalpakt - Wie ist der Stand heute?

Von den insgesamt fünf Milliarden Euro sind nach rund einem Jahr gerade einmal 40 Millionen Euro auch tatsächlich investiert worden, davon 12,1 Millionen Euro allein in Sachsen. Grund hierfür ist, dass für die Umsetzung des Digitalpakts die Länder verantwortlich sind. Während Sachsen die Förderrichtlinien noch im selben Monat festgelegt hat, gibt es beispielsweise in Bayern erst seit Dezember 2019 die Möglichkeit, Fördermittel zu beantragen. Ein einziger Antrag wurde dort bisher bewilligt, 51 weitere warten auf ihre Genehmigung. Werden sie alle bewilligt, hat Bayern rund sieben der 778 Millionen Euro, die dem Bundesland aus dem Digitalpakt zustehen, verbraucht. Die fünf Milliarden Euro des Digitalpakts müssen bis 2024 ausgegeben werden.

Titelbild: degree200 / pixelio.de

Dieser Beitrag stammt von

Kevin Ruser

Kevin ist ein junger Lehrer für Geographie und Deutsch an Gymnasien und verwendet digitale Medien sehr gern in seinem Unterricht. Seine Examensarbeit schrieb er über sprachbildenden Fachunterricht.

Schreiben

Kevin schreibt seit August 2012 auf seinem eigenen Blog und veröffentlicht wöchentlich neue Artikel zu unterschiedlichen Themen. Seine Bachelorarbeit schrieb Kevin über den Einsatz des Smartphones im Geographieunterricht, seine Masterarbeit über Sprachbildung im Geographieunterricht.

Unterrichten

Der Autor hat die Fächer Geographie und Deutsch für Gymnasien studiert und arbeitet als Vertretungslehrer an einer weiterführenden Schule. Zudem ist er als Nachhilfelehrer in der Online-Nachhilfe tätig.

Kevin Ruser