E-Learning bietet eine vermeintlich einfache und schnelle Lösung, Schüler*innen Lerninhalte für zu Hause bereitzustellen. Vermeintlich. Denn für die Bildungseinrichtungen bringt das einigen Aufwand mit sich.

In Zeiten, in denen Präsenzunterricht eher die Ausnahme als die Regel ist, sind viele Bildungseinrichtungen vor die Herausforderung gestellt, auf E-Learning, also elektronisches Lernen, umzustellen. Schüler*innen müssen die Möglichkeit haben, auch von zu Hause aus Inhalte zu erarbeiten und eine umfangreiche Bildung zu erhalten.

Auch in der Erwachsenenbildung wird dem Thema „digitaler Unterricht“ spätestens mit Beginn der Corona-Maßnahmen erheblich mehr Beachtung geschenkt, als das zuvor der Fall war. Für eine Weile sah es so aus, als könnte auf absehbare Zeit überhaupt kein Präsenzunterricht stattfinden. Neue Formen des Unterrichts mussten her und das möglichst kurzfristig. Das Thema „E-Learning“ ist nicht neu, sondern den meisten Bildungseinrichtungen schon sehr lange ein Begriff. Etwa so wie die seltsame Nichte, der man jedes Jahr eine Karte zum Geburtstag schickt, damit sie im Notfall die Pflanzen gießt oder den neuen Drucker einrichtet. Der Notfall ist jetzt!

1. Herausforderung: Kursinhalte einschätzen

Bevor es überhaupt an die konkrete Erstellung von Online-Kursen geht, stellt sich die grundlegende Frage: Wie viele und welche Inhalte sind ein Kurs? Medienkompetenz lebt von Interaktion, von Erfahrungsberichten, vom Austausch von Informationen. Anders als in Fächern wie Mathematik gibt es nur wenige Möglichkeiten, einfach Aufgaben zu stellen und Lösungen bereitzustellen. Hinzu kommt, dass es insbesondere in der Erwachsenenbildung aufgrund der Marschrichtung der vergangenen Jahre kaum bis gar keine Vorerfahrung zu Kursinhalten gibt. Medienkompetenz als Kurs ist an meiner Bildungseinrichtung komplett neu und wird mit diesem Semester erst eingeführt. Es ist der  Anspruch, Inhalte auf die Bedürfnisse der erwachsenen Kursteilnehmer*innen abzustimmen. Die hiervon völlig unabhängige Erstellung von Kursinhalten ist ein entsprechend ambitioniertes Unterfangen.

Inhaltlich hilft hier natürlich der Blick in den Medienkompetenzrahmen*, auch wenn dieser nicht auf Erwachsenenbildung ausgerichtet ist. Wie aber schätzt man die Menge der Inhalte im E-Learning äquivalent zur wöchentlichen Anzahl Unterrichtseinheiten (UE) ein? Und ist das überhaupt erforderlich? Die Analyse und Besprechung von Arbeitsaufgaben ist elementarer Bestandteil des Präsenzunterrichtes – im Vorfeld sowie nach der Bearbeitung. Hierfür muss Unterrichtszeit eingeplant werden, die in einem Online-Kurs in dieser Form nicht vorhanden ist. Unabhängig davon zeigt sich hier wieder ein wesentlicher Faktor bei der Kursplanung: Insbesondere bei Themenfeldern, die den Unterrichteten fremd sind, kommen schnell Rück- und Verständnisfragen auf. Es wirkt sich deutlich auf den Lerneffekt aus, theoretische Aufgaben anhand von praktischen Beispielen anschaulich zu erklären. Ein Online-Kurs muss demnach neben praktischen Aufgaben (die für den Lernspaß und die Motivation wesentlich sind) auch umfangreiche(re) erklärende Texte und/oder Videos enthalten.

2. Herausforderung: Inhalte für das E-Learning aufbereiten

Auch wenn klar ist, welche Inhalte für einen Kurs, eine Unterrichtseinheit oder eine Woche bereit gestellt werden sollen, stehen Lehrkräfte vor der Herausforderung, diese für das E-Learning zu adaptieren. Es sollte nicht der Anspruch eines modernen E-Learning-Kurses sein, Aufgaben in Form von Dokumenten wie PDF-Dateien zum Download oder gar Ausdruck bereitzustellen. Auch nicht anstelle der im Präsenzunterricht üblichen Handouts. Vielmehr geht es darum, die erarbeiteten Kursinhalte mit Hilfe der technischen Möglichkeiten der E-Learning-Plattform verfügbar zu machen. Die Anbieter von E-Learning-Plattformen bieten hierfür viele verschiedene Möglichkeiten. So können Lehrkräfte Material der Unterrichtsform entsprechend so gestalten, dass es online bearbeitet werden kann.

Das bedeutet aber natürlich auch, dass die Form der Aufgaben und deren Darbietung von der Software bzw. Version abhängig sind, die von der Bildungseinrichtung genutzt wird. Es ist also schwierig, eine fertige, universell nutzbare Vorlage für E-Learning-Unterricht zu erstellen. Dementsprechend müssen die Inhalte größtenteils individuell pro Bildungseinrichtung in der Benutzeroberfläche der Plattform selbst erstellt bzw. angepasst werden.

3. Herausforderung: Technische Ausstattung

Auch wenn das Arbeitsmaterial in ansprechender, angemessener Form bereitgestellt ist, muss es den Kursteilnehmer*innen verfügbar gemacht werden. Dabei ergibt sich der nächste mögliche Fallstrick: Ist gewährleistet, dass alle Teilnehmer*innen auch zu Hause Zugriff auf einen PC oder wenigstens ein Smartphone (wenn die E-Learning-Plattform und die bereitgestellten Inhalte für die Darstellung auf mobilen Geräten überhaupt geeignet ist) und (ausreichenden) Internetzugang haben?

Insbesondere im Fach Medienkompetenz, in dem es unter anderem um die Vermittlung des Zugangs zu eben diesen Medien geht, ist dieser Zustand absolut nicht vorauszusetzen. Im Zweifel liegt es also in der Verantwortung der Bildungseinrichtung, entsprechende Geräte zur Nutzung zu Hause zur Verfügung zu stellen – und das schnellstmöglich. Spätestens in Zeiten der DSGVO eine Mammutaufgabe. Es muss gewährleistet sein, dass die Nutzung von Computern und ggf. sogar Geräten zur Verbindung mit dem Internet von der Einrichtung bereitgestellt funktioniert, ohne das persönliche Daten der nutzenden Personen gespeichert werden. Technisch zwar möglich, aber insbesondere in der Kürze der Zeit kompliziert.

4. Herausforderung: Technisches Wissen

Angenommen, alle Personen, denen das Unterrichtsmaterial bereitgestellt werden soll, haben die technischen Möglichkeiten, darauf zuzugreifen. Zur Nutzung von E-Learning ist Vorwissen erforderlich, das nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Jemand, der über 30 Jahre und mehr Berufserfahrung verfügt, muss noch lange nicht wissen, wie und wozu man einen PC oder ein Smartphone einsetzen kann.

Um erfolgreich am E-Learning teilzunehmen muss man mindestens die Plattform im Web finden, Benutzerdaten eingeben und sich im Nutzungsbereich selbst zurechtfinden. Manche Erwachsene mit Vorkenntnissen im Umgang mit PC und Mobilgeräten werden mit einem Link zur Plattform und den Zugangsdaten etwas anfangen können. Doch auch hier kann nicht pauschal geurteilt werden. Informationen über die allgemeine PC-Benutzung zur Steuerung im Web, angefangen bei der Bedienung des Browsers, sind Inhalte, die z.T. erst im Kurs „Medienkompetenz“ vermittelt werden sollen.

5. Herausforderung: Zugangsmöglichkeiten zum E-Learning

Die letzte große Herausforderung, bevor der Unterricht überhaupt beginnen kann, ist die Bereitstellung von Zugangsdaten wie Benutzernamen, Passwörter, etc. Diese müssen zunächst von der zuständigen Stelle erstellt werden – beispielsweise der IT-Abteilung der Bildungseinrichtung. Anschließend müssen sie an die entsprechenden Personen verteilt werden. Beides meist in nur sehr kurzer Zeit. Die Zugangsdaten sollten mit individuellen Accounts verknüpft werden, damit Aufgaben individuell erledigt und Lernfortschritte gespeichert werden können.

Mindestens diese Herausforderung ergibt sich nicht nur beim zunächst vorgesehenen Fernunterricht zu Hause. Auch im Präsenzunterricht in der Bildungseinrichtung, der nun doch stattfindet, werden Zugangsdaten benötigt. Eigentlich ist ein Online-Kurs ein gutes Mittel, Medienkompetenz theoretisch und praktisch näher zu bringen. (Learning by Doing ist für viele Erwachsene ohne Vorerfahrung ein wirklich spannendes Erlebnis!) Und doch fehlen auch Wochen nach Wiederbeginn Zugangsdaten in den Kursen. Die Infrastruktur der Bildungseinrichtung ist schlicht nicht so schnell gewachsen, wie es nötig wäre, um die fertig erstellten Inhalte individuell nutzbar zu machen. Welche Zugangsdaten sind wofür nötig? Welche der unterschiedlichen Plattformen, Dateien und Möglichkeiten sind wofür vorgesehen und nutzbar? Für die Beantwortung dieser Fragen nötige Schulungen sind – insbesondere bei Personen ohne Vorkenntnisse – in der Kürze nicht möglich.

Fazit: E-Learning ist sinnvoll, aber...

Corona zeigte sehr schnell die Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines gut funktionierenden E-Learning-Systems an Bildungseinrichtungen (für Kinder und Jugendliche, aber eben auch für Erwachsene) auf. Es offenbarte sich aber auch sehr schnell, wie schlecht das Bildungssystem in diesem Bereich aufgestellt ist. Es mangelt bereits an der nötigen Infrastruktur hierfür mangelt – sowohl inhaltlich als auch technisch. Bildungseinrichtungen allgemein aber auch Lehrkräfte im Besonderen sind gefordert, sehr kurzfristig Lösungen zu finden, die dennoch einen möglichst langfristigen Bildungserfolg zulassen.

Unterrichtsinhalte müssen thematisch und technisch angepasst und der Umgang damit für die Kursteilnehmer*innen durch Geräte, Schulungen und Zugangsdaten verfügbar gemacht werden. Das alles unter Berücksichtigung von (möglicherweise) fehlender Ausstattung und Vorbildung (sowohl bei Lehrkräften als auch bei Teilnehmer*innen) und Datenschutz-Richtlinien. Aktueller Zwischenstand (und hoffentlich nicht endgültiges Ergebnis): Unterricht findet via Videokonferenz statt, Aufgaben werden statt digital bearbeitet an verschiedenen Standorten ausgedruckt und verteilt. Eigens für das E-Learning erstellte und auf der Plattform bereit gestellte Kursinhalte werden gemeinsam statt individuell bearbeitet und im Plenum besprochen.
Es bleibt spannend.

Dieser Beitrag stammt von

Manuel Fuß

Manuel ist studierter Online-Redakteur und leitet eine Online-Agentur. Inzwischen gibt Manuel sein Wissen über die digitale Welt als Dozent für Medienkompetenz weiter.

Schreiben

Manuel schreibt seit September 2012 auf seinem eigenen Blog zu unterschiedlichen Themen. Seine Bachelorarbeit schrieb Manuel über Kennzahlen für die Erfolgs- und Reichweitenmessung im Web. Für Unternehmen aus verschiedenen Branchen verfasst er Presse- und Web-Texte. Außerdem ist er Redakteur für die Branchenportale marktforschung.de und CONSULTING.de.

Unterrichten

Der Autor ist studierter Online-Redakteur und studierte darüber hinaus mehrere Semester Mehrsprachige Kommunikation. Während des Studiums war er als Tutor in den Fächern Redigieren und Journalistische Darstellungsformen tätig. Seine Agentur unterstützt Personen und Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Online-Präsenzen. Zudem ist er als Dozent für Medienkompetenz in der Erwachsenenbildung tätig.

Manuel Fuß