Sollte man Kitas und Schulen um jeden Preis öffnen?

Während neue Mutationen die Wissenschaft beschäftigen, fordern Politiker die Öffnung der Kitas und Schulen. Die Institution Schule sei nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort des sozialen Miteinanders, begründet etwa die Kultusministerkonferenz dieses Vorgehen.

»Wir sehen gerade in sozialen Brennpunkten depressive Verstimmungen und Vereinsamung.«
Franziska Giffey
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Der Vereinsamung der Kinder und Jugendlichen müsse man schleunigst entgegenwirken, so die Ministerin. Sie fordert die baldige Öffnung von Schulen und Kitas und schlägt vor, Lehrkräfte etwa zweimal pro Woche zu testen, um möglichst schnell auf Infektionen in der Schule reagieren zu können.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek legte noch vor dem Bund-Länder-Gipfel am 10. Februar 2021 einen Leitfaden vor, wie der Unterricht zügig weitergehen könnte. Maßnahmen wie Lüften, Maskenpflicht und Kohortenbildung sind jedoch nicht neu. Karliczek mahnte außerdem zu Vorsicht: »Bislang waren Vorsicht und Vorbeugung die entscheidenden Grundlagen für die getroffenen Entscheidungen. (…) Das halte ich auch nach wie vor für richtig. Wir müssen weiter vorsichtig sein.«

Angesichts sinkender Infektionszahlen wünschen Bürger sich die Rückkehr zur Normalität. Auch die Öffnungen von Kitas und Schulen stehen derzeit im Raum. Bei einer Bund-Länder-Konferenz am 10. Februar 2021 hat die Politik entschieden, wie es in Deutschland weitergeht. Vorerst wurde der Lockdown bis zum 07. März 2021 verlängert. Die Öffnung von Schulen und Kitas wurde zur Ländersache erklärt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt vor vorzeitigen Lockerungen. Sie sprach sich gegen die Öffnung von Schulen und Kitas vor dem 01. März aus. Angesichts neuartiger Mutationen schlägt sie in diesem Punkt den Weg von Gesundheitsexperten wie Karl Lauterbach ein. Er schrieb auf Twitter:

»Wenn wir einfach die Grundschulen öffnen, mit dem Appell an die Länder, Wechselunterricht und Antigentests einzuführen, werden einige Länder erst ausprobieren, ob es auch ohne geht. Da die Fallzahlen dann stiegen, wären die Schulen bald wieder zu.«
Karl Lauterbach
Gesundheitsökonom

»Öffnung der Kitas und Schulen löst Mobilität aus«

Bei einer Pressekonferenz am 19. Februar erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass die Öffnung von Schulen und Kitas zu einer großen Mobilität führe. Millionen von Kindern und Jugendlichen führen zur Schule, Eltern, die sie bringen und abholen sind unterwegs und auch Lehrkräfte und Erziehende träfen dann wieder aufeinander.

Dabei ist die oberste Prämisse in dieser Pandemie – und das wurde in der Vergangenheit immer wieder und von allen Seiten betont -, Kontakte zu reduzieren. Die Bildungs- und Kultusminister scheinen dies jedoch offenbar nicht allzu eng zu sehen. Am Montag, 22. Februar 2021 öffnen in den meisten Bundesländern zunächst die Grundschulen und Kitas „im Corona-Regelbetrieb„. Wechselunterricht, geteilte Gruppen oder gar eine Maskenpflicht gibt es in den meisten Grundschulen und Kitas nicht. Während etwa in Schleswig-Holstein einzelne Schulleitungen einen Wechselbetrieb für ihre Grundschule ab dem 22. Februar einleiten wollten, erinnerte Alexander Kraft, Leiter der Schulaufsicht in Schleswig-Holstein: Das Ministerium „hat hierzu sehr deutlich kommuniziert, dass die Schulen den Präsenzunterricht im Corona-Regelbetrieb aufnehmen“.

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) verteidigte die Öffnung der Grundschulen am 22. Februar. Auf Twitter (externer Link) kommentierte die Ministerin bereits am 07. Februar 2021 eine Diskussion:

»„Gesundheit steht ganz klar vor Bildung.“ ist zu Ende gedacht ein rigider Satz, den ich nicht teile.«
Karin Prien (CDU)
Bildungsministerin Schleswig-Holstein via Twitter

Zwar hat Schleswig-Holstein in den meisten Kreisen eine geringe Inzidenz, Flensburg weist aber eine Inzidenz von über 170 auf. Bereits ein Drittel aller Infektionen dort lassen sich auf die Variante B117 aus Großbritannien zurückführen. Vor zwei Wochen waren es gerade einmal sechs Prozent.

Berichterstattung über das Distanzlernen wirkt einseitig

Die Berichterstattungen in den Medien bekräftigen diese Annahme: Eltern seien mit ihren Kindern überfordert, fühlten sich gar als Lehrkraft-Ersatz im Lernen auf Distanz. Als Lehrer an einer weiterführenden Schule weiß ich um die Schwierigkeiten und die Heterogenität im Distanzlernen. Auf Seiten der Lernenden gibt es zum Teil das Problem der fehlenden Ausstattung und natürlich können wir nicht erwarten, dass ein alleinerziehender Elternteil Endgeräte für alle drei Kinder anschafft, damit diese zeitgleich am Distanzlernen teilnehmen können. In vielen Grundschulen werden gar überhaupt gar keine Geräte benötigt: Hier werden zu Beginn der Woche Aufgabenhefte abgeholt.

Doch wir wissen auch um die unterschiedlichen Bemühungen einiger Kolleginnen und Kollegen. Einige arbeiten tagtäglich mit dem Buch, haben gar noch nie eine Videokonferenz abgehalten. Andere arbeiten jedoch mit Padlet, interaktiven Arbeitsblättern oder Tools, die Inhalte spielerisch vermitteln. Doch setzt der Datenschutz dabei vielerorts Grenzen, die ein abwechslungsreiches und motivierendes Distanzlernen erschweren.

Das Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung e.V. an der Universität Potsdam (IFK) führte eine Sondererhebung der Zeitreihenstudie „Jugend in Brandenburg“ durch und fragte dabei 17.156 Jugendliche nach Erfahrungen im Distanzlernen. Die Studie vermittele drei Kernaussagen, berichtet Studienleiter Prof. Dietmar Sturzbecher: Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen gingen vorbildlich mit der Corona-Pandemie um. Zweitens würden die meisten Familien in der Pandemie sozial näher zusammenrücken. Drittens bliebe der Zukunftsoptimismus auch trotz Pandemie bei den meisten Jugendlichen ungebrochen. 56,9% der Schülerinnen und Schüler sagten aus, dass der Distanzunterricht ihnen gefalle, knapp die Hälfte könnte sich Distanzunterricht auch in Zukunft vorstellen.

Aber, und auch das möchte ich der Vollständigkeit halber hier nennen, bestätigt die Studie auch die in Medien genannten Probleme. 41,2% der Schülerinnen und Schüler fühlten sich während des Distanzlernens „oft“ oder „manchmal“ einsam. Das selbstständige Bearbeiten der Inhalte sorgte bei 60,7% „oft“ oder „manchmal“ für Probleme.

Dennoch warnen Virologen vor vorschnellen Öffnungen. Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Institut mahnt: »Öffnungen ohne neue Gegenmaßnahmen wären jetzt fatal – wir wären in wenigen Wochen erneut im exponentiellen Wachstum und müssten wieder schließen.« Auch das Robert-Koch-Institut äußert große Sorge hinsichtlich neuer Mutationen in Deutschland.

»Es werden mehr junge Erwachsene, Jugendliche und Kinder erkranken.«
Prof. Dr. Lothar Wieler
Präsident des Robert-Koch-Instituts

Andere Länder sind Deutschland in der Pandemie bereits voraus

Nicht nur in der Verabreichung des Impfstoffs sind andere Länder Deutschland bereits meilenweit voraus. Auch die Pandemie ist in anderen Staaten bereits weiter fortgeschritten. Frankreich etwa hat die Schulen im Januar nicht geschlossen. Die Inzidenzen pendeln sich seither um den Wert von 200 ein. Der Lockdown in Deutschland – inkl. Schulschließungen – hat die bundesweite Inzidenz von 196 (16. Dezember 2020) bisher auf 56 (19. Februar 2021) senken können.

Bereits im letzten Jahr hat beispielsweise Israel, das inzwischen etwa 32% seiner Bevölkerung geimpft hat, die Erfahrung machen müssen, dass Schulen zum Treiber der Pandemie werden können. Im Mai 2020 öffnete das Land seine Schulen, nach nur 10 Tagen wurden 153 und 25 Mitarbeiter eines Gymnasiums positiv auf das Coronavirus getestet. Die wissenschaftliche Fachzeitschrift Eurourveillance (2020; 25: 2001352), die vom europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten veröffentlicht wird, machte dafür volle Klassenzimmer (30 Personen), ein Aussetzen von der Maskenpflicht über mehrere Tagen und die Verwendung von Klimaanlagen verantwortlich.

Doch auch in Deutschland wird das Aufeinandertreffen mehrerer Menschen egal welchen Alters zu einem Anstieg der Infektionszahlen führen, wie es beispielsweise in Österreich zu beobachten war. Seit Kurzem steigen die Inzidenzen in Österreich wieder an. Das Land hatte erst kürzlich Lockerungen eingeleitet.

Das Virus verhält sich in Deutschland nicht anders als im Ausland!

Auch in Deutschland breitet sich das Virus überall dort aus, wo infizierte Personen auf andere treffen. Es ist ein Irrglaube, dass Schulen und Kitas derzeit geschlossen sind. Abschlussklassen werden in Präsenz unterrichtet, eine Notbetreuung ist ebenfalls eingerichtet und wird von vielen gerne genutzt, Schulen laden gar weitere Schülerinnen und Schüler ein, von denen sie den Eindruck haben, im Distanzlernen liefe es nicht so ganz.

Das Notbetreuungsangebot führte auch in den letzten Wochen bereits zu Infektionen in Kitas und Schulen. In Freiburg geriet die Kindertagesstätte Immergrün bereits im Januar in den Fokus der Medien. Zunächst hatte das Gesundheitsamt das Hygienekonzept der Einrichtung gelobt, wie etwa die Stuttgarter Zeitung berichtete, wenige Tage später wurde das positive Testergebnis eines Mitarbeiters bekannt. Nach weiteren Testungen wurden bei insgesamt 11 Kindern und 14 Erzieherinnen und Erzieher Corona-Fälle bekannt.

Auch an niedersächsischen Schulen gibt es derzeit Corona-Ausbrüche. Etwa jede fünfte Schule in Niedersachsen sei derzeit von Corona-Fällen betroffen, wie die Gesundheitsministerin des Landes, Carola Reimann, am Donnerstag mitteilte. Zwar gebe es, und das bekräftigt auch Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), keine großen Infektionsausbrüche, mit Blick auf die Tatsache, dass die Schulen derzeit aber nur eine Notbetreuung für einzelne Schülerinnen und Schüler anbietet, hat das eine relativ geringe Aussagekraft.

Im westfälischen Ahlen wurde am 18. Februar ebenfalls deutlich, was passiert, wenn die britische Variante um sich greift. 29 Personen wurden in der Kita Villa-Regine bisher positiv getestet, 76 weitere Abstriche waren für Freitag, 19. Februar, geplant. Bereits am 8. Februar wurde die Infektion einer Mitarbeiterin bekannt, was zu einer sofortigen Schließung der Kita führte. Inzwischen seien mindestens 20 Kinder ebenfalls positiv getestet worden.

Am 19. Februar 2021 gab die Stadt Magdeburg (Sachsen-Anhalt) in einer Pressekonferenz (externer Link) an, dass der Abwärtstrend in den Infektionszahlen in der Stadt nicht fortgeführt werden konnte. Dr. BlaBla vom Gesundheitsamt Magdeburg führte diese Wende insbesondere auf die ansteckendere Mutante B117 zurück, die zu einer schnelleren Übertragung führt.

Das Helmholtz-Institut bestätigte in einer Meldung, dass Schulschließungen „die Trendwende bei den täglichen Fallzahlen ausmachen können“. Dies ginge aus einer Studie von Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) [externer Link] hervor, die ihre Ergebnisse auf Daten aus neun europäischen Ländern und 28 US-Bundesstaaten stützt. In Magdeburg wurde zwei Kitas geschlossen, weil es eine rasante Ausbreitung an Infektionen gab. Seit Anfang Januar wurden in Magdeburg 10 Schulen aufgrund von Infektionen geschlossen. Eine Schule ist derzeit von der britischen Variante betroffen.

»Bevor ausreichend viele Menschen geimpft sind, bleiben nichtpharmazeutische Interventionen (NPI) wie das Reduzieren sozialer Kontakte notwendig, um die Bevölkerung so gut wie möglich vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu schützen.«
Signifikanter Effekt von Schulschließungen
Meldung des Helmholtz-Instituts vom 10. Dezember 2020

Wie geht es an Schulen und Kitas weiter?

Das Coronavirus grassiert bereits seit über einem Jahr in Deutschland. Am 16. März 2020 blieben die Schulen erstmals in Deutschland coronabedingt geschlossen. In Schulen kommen täglich mehrere hundert Menschen zusammen. Luftfilteranlagen gibt es dennoch bisher kaum an deutschen Schulen. Nach wie vor scheinen das Lüften sowie eine Maskenpflicht an weiterführenden Schulen die einzelnen Maßnahmen zu sein, die die Kultusministerkonferenz nach einem Jahr Pandemie durchsetzen möchte. Auch eine Teststrategie soll in Zukunft dazu beitragen, Infektionsausbrüche frühzeitig zu erkennen. In Schleswig-Holstein sollen sich Lehrkräfte bis Ostern zweimal wöchentlich kostenlos testen lassen dürfen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte an, kostenlose Selbsttests zur Verfügung stellen zu wollen und dann auch Schülerinnen und Schüler testen zu wollen. Tests verhindern Infektionen jedoch nicht, sondern wirken rein indikativ. Das weitere Vorgehen wird Anfang März beraten. Dann entscheiden Bund und Länder, ob und wie lange der Lockdown fortgesetzt und wann Schulen wieder öffnen werden. Viele Regionen haben auch einen Reaktionsplan festgelegt, um im Zweifel auf einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen reagieren zu können: Ab einer Inzidenz von 200 sollen Schulen und Kitas demnach wieder geschlossen werden. Na dann kann ja gar nichts mehr schiefgehen.

Titelbild: Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

Huebener, M., & Schmitz, L. (2020). Corona-Schulschließungen: Verlieren leistungsschwächere SchülerInnen den Anschluss?.

Wößmann, L. (2020). Folgekosten ausbleibenden Lernens: Was wir über die Corona-bedingten Schulschließungen aus der Forschung lernen können. ifo Schnelldienst73(06), 38-44.

Dorsch, W., & Zierer, K. (2020). Das Corona-Dilemma an den Schulen. Pädiatrie32(6), 46-47.

Dieser Beitrag stammt von

Kevin Ruser

Kevin ist ein junger Lehrer für Geographie und Deutsch an Gymnasien und verwendet digitale Medien sehr gern in seinem Unterricht. Seine Examensarbeit schrieb er über sprachbildenden Fachunterricht.

Schreiben

Kevin schreibt seit August 2012 auf seinem eigenen Blog und veröffentlicht wöchentlich neue Artikel zu unterschiedlichen Themen. Seine Bachelorarbeit schrieb Kevin über den Einsatz des Smartphones im Geographieunterricht, seine Masterarbeit über Sprachbildung im Geographieunterricht.

Unterrichten

Der Autor hat die Fächer Geographie und Deutsch für Gymnasien studiert und arbeitet als Vertretungslehrer an einer weiterführenden Schule. Zudem ist er als Nachhilfelehrer in der Online-Nachhilfe tätig.

Kevin Ruser